• J.-G. Heurteloup

Nannerls «Polognese» - Betrachtungen zum Rekonstruktionsprozess

Aktualisiert: 4. Okt 2019

Von Christian Tanner

Dank Johann Cleophas Hinrichs Werbecampagne auf Instagram hat bereits nach wenigen Tagen nach Veröffentlichung unseres letzten Videoprojekts mit Helga Váradi die Nannerl-Polonaise eine breitere Öffentlichkeit erreicht.



Alle, die selber historische Repliken fertigen, sind sich bewusst, dass hinter dem, was sich als fertiges Produkt präsentiert, nicht nur tätige Hände, sondern auch ein tätiger Geist wirken müssen. Dieser Leserschaft widme ich das folgende Resümee meines Arbeitsprozesses.


Kapitel I: Ein Gang zum Marché St. Pierre in Paris

Einen Kurzfilm zu einem Nischenthema zu produzieren, braucht starke Nerven und einen eisernen Willen. Dass es dabei auch einmal zu einem Moment der Verzweiflung kommen kann, hat auch Helga im Juli 2018 erleben müssen. Als ich mit Fabrice im Montmartre unterwegs war, rief uns Helga an und meinte, sie müsse wohl den Dreh ihres Kurzfilms verschieben. Da wir auf dem Weg zum Pariser Stoffmarkt waren, kam mir, ganz nach der Devise, aus der Not eine Tugend zu machen, folgende Idee: Da der geplante Kurzfilm «Zum Namenstag» also auf kommendes Jahr verschoben würde, wäre dies für mich die Gelegenheit, für die Titelrolle Nannerl Mozart ein Kleid zu nähen, das diese nachweislich auf dem wohlbekannten Familienporträt trägt. Und dies müsste für Helga ein Trost sein. Also begaben Fabrice und ich uns in ein grosses Geschäft, wo es an guten Seidentaften nicht mangelte. Eigentlich war damals meine Geldbörse nicht gerade dick unterwegs, aber… als dann der Händler doch noch einen dunkelroten Taft auf einer schweren Rolle herauszog und mir, als ich zögerte, noch einen kleinen Rabatt gewährte, kaufte ich kurzentschlossen den Stoff. Kaum aber waren wir zurück im Hotel, rief uns Helga an, um uns mitzuteilen, dass sie den Kurzfilm nun doch drehe, komme, was da wolle. Ähm, wie soll ich sagen…?


Kapitel II: Ein Jahr im Sekretär eingeschlossen

Der Dreh von Helgas Kurzfilm ging glatt über die Bühne. Nannerl trägt darin allerdings nicht die von ihr selbst verbriefte dunkelrote robe à la Polonaise, sondern jene, die ich an Weihnachten 2017 nach dem Marseiller Original nachgearbeitet hatte[1]. Der Pariser Seidentaft schlummerte derweil im Sekretär des Salons vor sich hin, denn es gab so viele andere Näharbeiten, die für unsere LSA-Projekte realisiert werden mussten. Endlich, wenn auch spät im Jahr, stand für Helga Váradi das definitive Datum ihrer Nannerl-CD-Taufe fest. Und so drängte sich auch für mich eine Entscheidung auf: Wenn die Nannerl-Polonaise eines Tages wirklich das Licht der Welt erblicken sollte, dann musste das genau zu diesem Anlass erfolgen, danach gab es für so viele Stunden Arbeit keinen Grund mehr. Also hiess es nach den Sommerferien: Jetzt Vollgas!


Kapitel III: Eine «Bolones», eine «Polognese» oder eine «Polonaise»?

Nicht wahr? Auch Sie kennen es, das Familienporträt der Mozarts von Johann Nepomuk della Croce? 1781 soll es entstanden sein. Wussten Sie aber auch, dass das Kleid, das die Mozartschwester darauf trägt, auch Gegenstand der Familienkorrespondenz war? Sehen Sie, das hatte ich geahnt! Helga Váradi hatte mich auf diesen Umstand aufmerksam gemacht. Deshalb serviere ich Ihnen folgenden Briefwechsel vom Dezember 1777 zwischen den Eheleuten Mozart, respektive zwischen Bruder und Schwester.


Mit ihrem Sohn Wolfgang gerade auf der Reise nach Paris schreibt sie am 10. Dezember aus Mannheim ihrem Gatten Leopold:


Der Nanerl las ich sagen das man hier schier keineschagatel tragt ausgenohmen in Haus. Zum Ausgehen meistens schlender und bolones, die Hauben vill schöner als zu Salzburg und vill anderst, die frisur Unvergleichlich keine fisonemie, die frauenzimmer seind gustos angezogen.[2]


Nannerl antwortet darauf ihrem Bruder am 22. Dezember:


die Mama hat die gute gehabt mir zu schreiben, das die frisurs und Hauben in Manhein viel schöner, und das die frauenzimmer viel gustoser angezogen sind als in Salzburg. Das will ich gern glauben. Doch wenn ich das gluck habe die Mama in zwey Monaten hier zu sehen, so bitte ich die gute zu haben, genau acht zu haben wie die frisur gemacht ist. und ein toppee Küssel und was noch nothwendig ist mitzubringen. auch wenns möglich wäre eine neueMode Hauben und was der mama gefälig ist. wenn ich mir noch wie vor einiger zeit was mit scolaren verdienen könnte, so wäre meine freude gewest meingranaden farbes Kleid zu einem polognese machen zu lassen und mit dinduch zu garniern. Da hätte ich vielleicht von manhein eine wohlfeileres dinduch bekomen. aber solche neue mode Sachen muß ich mir ausschlagen.[3]


Über das von della Croce verewigte Kleid liefert die obige Korrespondenz also folgende Informationen:

- Nannerls robe à la Polonaise ist eine Reaktion auf einen ihr zugetragenen Modetrend: Als Salzburgerin will sie den Mannheimer Damen modisch in nichts nachstehen.

- Nannerls robe à la Polonaise wird von ihr als granaden farbes Kleid bezeichnet, wohingegen die Farbe auf dem Familienporträt auf ein dunkles Aubergine verweist.

- Nannerls robe à la Polonaise war keine Neuanfertigung, sondern ein Secondhandkleid. Ein bestehendes Kleidungsstück – vielleicht eine robe à l’Anglaise oder eine robe à la Française – wurde zur Polonaise umgearbeitet und neu garniert.

- Die Bezeichnung dinduch für die Kleidergarnitur bezeichnet die Seidengaze, die auf della Croces Gemälde abgebildet ist.

- Die Umarbeitung des bestehenden roten Kleides war für Nannerl 1777 unerschwinglich, entsprach aber einem innersten Wunsch, zumal sie sogar dazu bereit war, die dafür anfallenden Kosten durch eigenen Verdienst selbst zu bestreiten. Zudem liess sie sich noch 1781 darin abbilden, ein Ausdruck ihres Glücks, dass ein lang gehegter Wunsch für sie in Erfüllung gegangen war.


Das Familienporträt der Mozarts von Johann Nepomuk della Croce, Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Johann_Nepomuk_della_Croce#/media/Datei:Croce_MozartFamilyPortrait.jpg

Kapitel IV: Matilde oder Nannerl? Oder was 537,45 km miteinander verbindet

Lieber Herr Johann Nepomuk della Croce, mein Hauptproblem bei Ihrer Pinselarbeit besteht weniger darin, dass Sie ein dunkles Aubergine für Nannerls Polonaise gewählt haben, die die junge Dame selbst als granaden farben bezeichnet hat. Okay, auch das irritiert. Nein, das Problem ist: Sie zeigen dem Schneider weder den Rücken Ihres Modells, noch zeigt Ihr Künstlerauge für den Rocksaum Interesse. Für einmal wenigstens. Wir verstehen uns. Aber wissen Sie was? Es gibt noch andere Maler – und, mit Verlaub, weit fähigere als Sie, und es gibt auch andere Auftraggeber, und zwar weit begüterte als die Mozarts. Ich weiss mir schon zu helfen, wenn Sie nicht kooperieren wollen! Ich mache einfach einen kurzen Ausflug an den Genferseee, und zwar zum prächtigen Schloss Prangins. Darin wohnen Herr und Frau de Guiguer und diese haben 1779 dem Maler Jens Juel so viel Münzen in die Hand drücken lassen, damit er sie in ihren modischsten Outfits festhielt. Und schauen wir uns die schöne Frau Baronin Matilde de Guiguer de Prangins genauer an, so sehen wir:


Baronin Matilde de Guiguer de Pringins, Quelle: https://www.wikiwand.com/en/Prangins_Castle

- Sie trägt ein granaden farben Polonaisekleid

- Es ist mit dinduch garniert

- Und: ich sehe genau das, was Sie, werther della Croce, mir verweigerten, nämlich eine Rockgarnitur!

- Kurzum: Bis auf die dekorative Schürze, die Thérèse aus Seidengaze, Schleifen, die farblich dem Oberstoff des Kleides gleichkommen, einem Ausschnitt, der im Gegensatz zu jenem von Fräulein Mozarts Kleid das Dekolleté rund fasst, und einer Korsage, die ganz ohne agrémens auskommt, sind die beiden Kleider für das Schneiderauge nahezu identisch.


Nahezu identisch. Denn der Teufel liegt auch konstruktionstechnisch im Detail. Nannerls Korsage scheint nämlich, locker herunterhängend, einem anderen Konstruktionstyp zu folgen, als jene von Mathildes Kleid. Denn Frau de Guiguers Polonaisenfront umfasst Taille und Brust straff und nahezu faltenfrei.


Kapitel V: Und von Prangins nochmals 400,34 km Richtung Nordwesten

Was della Croce Heurteloup nicht preisgeben will, verrät ihm Jens Juels Pinsel. Aber Jean-Gatien kann nicht einfach – also ganz abgesehen von den sozialen Konventionen – zu Matilde ins Bild eintauchen, etwa so: «Pardonnez-moi, Madame, vous plairait-il de vous lever un instant? Oui, si cela ne vous dérange pas? Je peux bien tenir votre canne pendant ce temps-là. Maintenant, un tour sur vous-même? Oui, afin que j’examine votre dos, faites voir un peu!” Also führt ihn die Reise nach Paris, unweit seiner Wahlheimat, der Touraine. Dort blättert er in den Ausgaben der Gallerie des Modes der Jahre 1778 und 1780 und wird fündig:


Quelle: Gallica, Link: https://gallica.bnf.fr/ark:/12148/btv1b53192297k/f76.item

Et voilà, eine Rückenansicht einer Polonaise. Monsieurs Desrais' Zeichnung zeigt einen einfachen, weit verbreiteten zweiteiligen Rückenschnitt. Zudem erstaunt Heurteloup eines positiv: der Rücken DIESER einen Polonaise scheint enganliegend. Doch leider findet sich auf Gallica gerade für dieses Modell mit der Rückenansicht keine Bildbeschreibung.


Kapitel IV: Und wann wird’s endlich praktisch?

Stopp! Zuerst sei noch kurz umrissen, WAS eine Polonaise überhaupt ist. Und um hierfür eine Antwort zu geben, möchte ich einerseits auf Fanny Wilks Übersichtsvorlesung auf youtube verweisen (https://www.youtube.com/watch?v=-eh4T8TVyCo, 25 min. 25 – 29 min 10) und andererseits auf ihren Blogartikel (https://tempsdelegance.com/polonaise-making-of/) zum Making of ihrer Polonaise. Schliesslich muss ich das Rad nicht neu erfinden. Erst recht nicht, wenn ich mit Frau Wilks Definition einer robe à la Polonaise in Abgrenzung zu einer robe à l’Anglaise retroussée en Polonaise ganz auf einer Linie bin. Fassen wir für die faulen (Entschuldigung, die «eiligen») Leserinnen und Leser zusammen:


- Der Manteau einer Polonaise ist an zwei Stellen geschürzt, sodass dessen Rockteil in drei Teile gegliedert ist, und zwar in zwei Flügel (ailes) und einer Schleppe (queue) in der Mitte. (Dies hat die Polonaise mit der Anglaise retroussée en Polonaise gemein).

- Der Manteau der Polonaise wird vorne auf der Korsage nur an einem Punkt geschlossen und gehört damit zu den robes ballantes, den locker anliegenden Roben. (Die Anglaise retroussée en Polonaise hingegen hat eine enganliegende Korsage, die von der Brust bis zum Bauchnabel über eine geschlossene Front verfügt - wie jede Anglaise).

- Auf Taillenhöhe hat die Polonaise NIE eine Naht, denn ihre Schnittteile werden allesamt VERTIKAL zugeschnitten. (Bei Anglaisen ist der Rockteil hingegen mindestens an den Seitenteilen immer angesetzt.)

- Oftmals zeichnen sich die Polonaisen zudem durch sog. manches sabot aus und weisen oftmals mit Posamenten ausgezierte Rückennähte auf. (Dies ist bei der klassischen Anglaisenform NIE der Fall.)

- Die Polonaise kann entweder aus zwei oder drei Teilen bestehen (manteau + corsage, jupon, oder manteau, corsage, jupon).

- Der Rock ist so kurz, dass man in jedem Fall die Schuhe und Fussknöchel und oftmals sogar den Wadenansatz der Trägerin sehen kann. Ja. Auch wenn hier gewisse Instagram Kommentatoren anderer Meinung sein sollten: die Modekupfer, Originale und Gemälde sprechen hier eine einheitliche Sprache. Und warum? Eben weil die robe à la Polonaise ein Kleid ist, mit dem frau gerne auf die Strasse geht, weil sie nicht Gefahr läuft, es an der nächsten Strassenecke zu beschmutzen. Erinnern wir uns an Mutter Mozarts Worte: In Mannheim tragen die Damen [z]um Ausgehen meistens schlender und bolones.


Eine robe à la Polonaise aus der Genferseeregion. Simon Malgo, 1778, Musée Maison Tavel, Genf. Foto: Alessandra Reeves

Kapitel V: Zur Schere gegriffen

Mit Schnitten und Verarbeitungsdetails zu Polonaisen hinkt die erhältliche Literatur hinterher. Mir sind bloss zwei publizierte Polonaisenschnitte von Norah Waugh bekannt[4]. Doch wer die Arbeit der Autorin kennt, der weiss: Nach Instruktionen zur Verarbeitungstechnik im 18. Jahrhundert sucht man darin vergeblich und auch die gute Janett Arnold hat keine echte Polonaise dokumentiert. Abhilfe schaffen hier Photographien von Originalen, das beobachtende Auge und der gesunde Menschenverstand. Für mich stand im Vorfeld aus rein ästhetischen Gründen fest, dass ich mich bei der Nacharbeitung des Schnitts der Nannerl-Polonaise näher an Mathildes Kleid orientieren wollte, und zwar weil deren Korsage wie bei einer Anglaise eng anliegt, wohingegen Nannerl unter ihrem Manteau über der Schnürbrust eine sog. veste[5] zu tragen scheint. Diese hat den Nachteil, dass sie Falten wirft und die Figur weniger betont. Allerdings wollte ich auf jeden Fall die rosaroten rubans[6] zum Hochschürzen der Flügel und der Schleppe berücksichtigen.


Polonaisen waren für mich nicht mehr ganz Neuland. Ich hatte bereits eine für Helga genäht und eine zweite nach dem Original im Musée d’Art et d’Histoire in Fribourg für Madame Deuxchamps.


Die Rückenansicht der Polonaise aus dem Musée d'Art et d'Histoire in Fribourg. Dass auch hier der beidseitige Saumstich zur Anwendung kam, zeigen die Nähte aa/ ab.

Die Rückenansicht von Madame Deuxchamps Polonaise nach dem Original aus dem Musée d'Art et d'Histoire in Fribourg. Foto: Fabrice Robardey

Zudem musste bei einer Breite von 80 cm mit Keilen operiert werden (die Waugh nicht einzeichnet). Die Modifikation des Schnitts erfolgte dahin, dass ich die Korsagenfront wie jene einer Anglaise gestaltete, damit der Manteau satt anliegen konnte. Auch wollte ich gemäss des Fribourger Modells zusätzliche zwei Falten auf das Schnittteil c zur vorderen Mitte hin drapieren, damit sich der Manteau enger an die Korsage anschmiegen konnte. Der Effekt der robe battante konnte durch eine Fixierung der Manteaufront um den Ausschnitt erhalten bleiben. Es stellte sich mir also mehr die Frage, welchen Schnitt und welche Verarbeitung ich wählen wollte. Da ich den Schnitt von Norah Waugh (Diagram XXI) noch nicht ausprobiert hatte, war ich entschlossen, ihn für die Nannerl-Polonaise zu adaptieren. Dabei befolgte ich Alessandra Reeves’ Grundregel, dass im 18. Jahrhundert mit einer maximalen Stoffbreite von 80 cm operiert werden darf. Mit dieser Regel im Hinterkopf ging mir bei der Interpretation von Waughs Schnitt ein Licht auf: Das ganze mittlere Rückenteil des Manteaus konnte nur aus einer Stoffbahn zugeschnitten worden sein. Für die seitlichen Stücke desselben musste eine Stoffbreite reichen



Was die Verarbeitungstechnik anbelangt, so bin ich ein Liebhaber von versteiften Schnittteilen und ein Verfechter des beidseitigen Saumstichs. Dafür müssen zuerst alle Futterteile einzeln gestäbelt und versäubert bereit liegen. Dann dienen sie als Schnittvorlage für den Manteau. Die Nahtzugaben des Oberstoffs werden zuerst umgeschlagen und auf die umgeschlagenen Nahtzugaben des Futterstoffes geheftet. Dann werden die so aufwändig vorbereiteten Manteauteile mit dem beidseitigen Saumstich zusammengenäht. Einen Schnitt brauchte ich nicht mehr zu erstellen, weil ich vom Dezember her noch jenen vom Trauercaraco (Norah Waugh, Diagram XXIV) verwenden konnte. Deshalb liegen meiner Version der Nannerl-Polonaise nicht zwei, sondern drei Futterschnittteile zu Grunde. Eine Anprobe mit Helga erfolgte erst, als der Jupon in Falten gelegt, versäubert und dekoriert und der Manteau zusammengenäht und drapiert war: Es wurde zuerst die Jupon- und Manteaulänge bestimmt und abgesteckt. Dann wurden die Schulterriemen geheftet. Schliesslich wurde ein Probeärmel eingesetzt. Dabei stellte sich der alte manche sabot-Schnitt als immer noch bequem heraus. Bei der zweiten Anprobe mussten nur noch die Ärmel über der Armkugeln drapiert werden. Für das Robing über die Armkugel, das ich ganz nach dem Fribourger Modell gestalten wollte, musste ich Stoff ansetzen. Aber, wer Originale aus dem 18. Jahrhundert studiert hat, weiss, dass Stückeln zur Verarbeitungsrealität im 18. Jahrhundert dazugehörte.


Am aufwändigsten stellte sich die Garniture heraus. Abende und ganze Tage sass ich und hörte mir Dokumentationen an, um das meterlange Roulieren hinter mich zu bringen. Danach legte ich den versäuberten Organzastreifen von Auge mit Stecknadeln in Bons-hommes[7] und fixierte diese mit Punktstichen. Erst als die erforderlichen Metragen so fertig gestellt waren, fixierte ich sie mit Vorstichen auf dem Saum des Manteaus. Den noed, die rubans für die retroussis und das Haarband habe ich aus handrouliertem Seidenlamé gefertigt. Im Gegensatz zu den Organzasäumen, wo der einfache Saumstich zur Anwendung kam, habe ich für den Lamé die Zickzacktechnik verwendet, um den Saum möglichst schmal zu halten.


Die Bons-hommes der Ärmel. Bild: Fabrice Robardey

Kapitel VI: Als Quittung eine böse Erkältung

Nächtelanges Roulieren, Bügeln und Drapieren fordern ihren Tribut. Am Sonntag vor dem Drehtag für das Nannerlfest-Video fand eine Tanzanimation auf Schloss Wildegg statt und französische Gäste waren im Haus, der eine davon hustend. Die Zeit für die letzte Etappe der Polonaisenauskleidung war also sehr knapp bemessen! Doch da unser Tanzgast Annie aus Lyon selber seit Jahren für die Bühne näht, wusste sie genau, wie sie mich unterstützen konnte. Während sie sich in der Küche dem Geschirr annahm, roulierte ich die letzten Säume und zierte die Rückennähte mit einer antiken, dünnen goldenen Metallposamentenkordel aus. Diese Arbeit wurde gegen 23 Uhr am Vorabend des Drehtages bei Schüttelfrost und Fieber beendet. Das fertige Resultat sah ich also erst kurz vor Filmdreh.


Metallposamente, Bild: Fabrice Robardey

Kapitel VII: Tu nicht so, als wäre alles glatt gelaufen!

Genau, ein bisschen Selbstkritik muss sein. Drei Tipps für das nächste Mal:


1. Die Schnittteile a + b sind einfach zu verarbeiten. Aber bei Schnittteil c muss so vorgegangen werden, dass ZUERST die Stoffkante des Oberstoffs schräg über die vordere Mitte des Futters drapiert wird (um sicher zu stellen, dass sie schön lose fällt und genug Stoff vorhanden ist) und von dort aus bis zur Naht c-b in zwei Falten drapiert wird. Dabei muss man in Kauf nehmen, dass der drapierte Oberstoff auf Schnittteil c nicht demselben Fadenlauf folgt wie der Futterstoff! (Naiv wie ich war, hatte ich zuerst von der Naht b-c aus zur vorderen Mitte hin drapiert, weil ich felsenfest davon überzeugt war, dass Oberstoff und Futterstoff exakt demselben Fadenlauf folgen müssen. Ich musste dann aber feststellen, dass das nicht funktionierte! Glücklicherweise liessen sich jedoch der Oberstoff und die Naht b-c schadlos auftrennen und der Oberstoff wieder so drapieren, dass von diesem missglückten Erstversuch nichts sichtbar ist.


2. Die Organzagarnitur muss man zwangsläufig ab einem Punkt stückeln. Beim Aufnähen sollte man achten, dass man das eine Ende nicht auf Brusthöhe ansetzt, weil es sonst schwieriger wird, die Stückelungen zu kaschieren.


3. Hau Dir prophylaktisch auf die Finger und wiederhole: Keinen Sekundenleim bei Näharbeiten. Ich wiederhole: Keinen Sekundenleim bei Näharbeiten!

Das fertige Kleid. Wie in der Gallerie des Modes beschrieben ist die Schleppe wesentlich länger als die beiden Flügel. Bild: Fabrice Robardey

Eine zufriedene Nannerl Mozart. Bild: Fabrice Robardey

[1] SÉNÉPART, Ingrid et al., Les Belles de Mai. Deux siècles de Mode à Marseille, Éditions Alors Hors Du Temps Musées de Marseille, S. 50 – 51.


[2] SCHIEDERMAIR, Ludwig: Die Briefe W. A. Mozarts und seiner Familie. 5 Bände, Band 4. München/ Leipzig 1914, S. 327-329.


[3] SCHIEDERMAIR, Ludwig: Die Briefe W. A. Mozarts und seiner Familie. 5 Bände, Band 4. München/ Leipzig 1914, S. 366-367.


[4] WAUGH, Norah: The Cut of Women’s clothes. 1600 – 1930, Kondon, Faber and Faber, 1994, Diagramme XXI und XXIII.


[5] Siehe: La Gallerie des Modes et Costumes français commencé, Paris, les Srs Esnauts et Rapilly, 1778, Seconde Figure, S. 19.


[6] Siehe: La Gallerie des Modes et Costumes français commencé, Paris, les Srs Esnauts et Rapilly, 1778, Première figure, S. 19.


[7] Vergl. [7] Siehe: La Gallerie des Modes et Costumes français commencé, Paris, les Srs Esnauts et Rapilly, 1778, Seconde Figure, S. 19.

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